Prolog und Erste Hälfte des ersten Kapitels

Prolog

Als ein Engel mir auf den Kopf pisste dachte ich: Erst wenn man alles verloren hat, hat man die Freiheit Dinge so zu nehmen, dass man keinen Anspruch darauf setzt.

Kein Vertrag…. immer wieder ging mir das durch den Kopf.

Ich hätte darauf bestehen sollen. Doch zu diesem Zeitpunkt als ich das verstanden habe, war es auch schon 29 Jahre zu spät.

Schatten der Vergangenheit an einem sonnigen Tag

Es ist ein Sommertag, schwül und stickig. Die einzige Hoffnung darauf, dass diese Hitze in irgendeiner Weise erträglich wird, war eine einzige Wolke am Horizont. Seit Monaten beschwerte man sich, dass es so kalt war und man sehnte sich danach die Sonne genießen zu können. Die meisten Frauen hatten schon ihre Sommerkollektionen zurecht gekauft und warteten nur noch auf den Moment diese an sich zu präsentieren. Jetzt ist aber nicht eine einzige dieser Kollektionen in den Straßen zu sehen. Wahrscheinlich hat man genau die neuen Klamotten vom Körper gerissen und in einem See oder einem Freibad zuflucht gesucht. Die ersten Schweißperlen an mir versickerten schon seit einer ganzen Weile im Boden. Wahrscheinlich sind sie schon wieder auf dem Weg ein ganzes mit dem Himmel zu werden, um irgendwo auf der Welt als Regen auf die glücklichen herunterzuprasseln, die es nicht mal zu schätzen wissen würden. Zumindest stell ich mir das in diesem Augenblick vor. Ich hab es eilig, weil ich nichts vor hab. Ein unwiderstehlicher Drang erwacht in mir, etwas zu tun. Es musste doch etwas geben, was man machen kann. Irgendwas, dass die Zeit nicht so endlos erscheinen lassen würde. Ich erinnere mich gestern, wo ich gerade meinen Freunden erzählt hatte wie schnell die Zeit rast in meinem Alter. Warum ist es nicht jetzt so? Warum muss ich auch meine Schnauze wieder so aufreißen. Wo sind die Farben? Die unwiderstehlichen Sommerkleider, die das warten auf neue Hoffnungen mir erträglicher machen. In der prallen Sonne ist alles getaucht in ein blendendes Gelb. Keine kontraste dazu. Keine roten oder blauen Inseln für meinen Blick, die mir die Weißblindheit von den Augen wischen. Der Wind stoppt und ich bemerke die Hitzewelle schlagartig. So das reicht! Ich brauche zumindent was zu trinken. Ich steh auf und gehe schlapp und unmotiviert in Richtung des nächsten Kiosks. Der Kühle Wind des Ventilators im Kiosk fühlt sich an, wie der Hauch einer Gottheit, die in mein Ohr flüstert. Ich hole mir ein Bier setze mich direkt vor der Tür an den Straßenrand. Kopf in den Nacken und ab mit der Erfrischung. Ich setze das Bier nicht ab, trinke die Kühlheit mit einem Atemzug bis ich nicht aufhöre zu trinken, weil ich genug hab, sondern weil es mir an Luft mangelt. Nachdem ich wieder absetze kribbelt es noch ein wenig zwischen Augen, Ohren und Gehirn. Das ist das Gefühl was ich gesucht habe. Das ist der Moment der Genugtuung, indem ich nicht denke, nicht handle sondern nur noch fühle.

Ich war schon immer zu nachdenklich! Meine erste Erinnerung ist die an meine Angst, in eine neue Wohnung einzuziehen. Ich war 2 oder so. Die Zeitspannen zwischen Erinnerungen an solch ein Alter machen große Sprünge. Die meisten sind einschlägige Ereignisse, andere einschlägige Ereignisse kennt man nur noch von Erzählungen, obwohl sie vielleicht sogar später passiert sind. “Warum wohl?” frage ich mich. Meine drei ersten Erinnerungen sind die an diesen Umzug, die Frau die Nackt zwischen unseren Plattenbauten sich gesonnt hat und mein erster Tag im Kindergarten. Die Zeitspanne zwischen diesen drei Erinnerung ist wahrscheinlich ein bis zwei Jahre, und dennoch sind sie prägnant vorhanden. Als Deutscher mit Migrationshintergrund sind wahrscheinlich eben solche Ereignisse einschlagend. Ich bin gut aufgewachsen, erst arm, dann wohlhabend. Ich habe beide Seiten und Facetten, die so ein Leben mit sich bringt durchlebt. Oft zu meinem Nachteil und doch auch oft im Gegenteil. Hätte man mich als 3 Jährigen gefragt, was ich werden will, hätte ich felsenfest geantwortet Kranfahrer. Drei Jahre später Arzt und noch ein wenig später Parapsychologe. Ich weiß, krasse Entwicklung! Aber nicht von ungefähr. Kranfahrer weil man Objekten hilft auch mal fliegen zu können und nicht immer träge in der Gegend rumzustehen. Arzt weil man anderen hilft auch mal richtig spielen zu können und nicht immer so doof rumliegen und krank sein zu müssen und Parapsychologe, weil ich für das Recht der Geister kämpfen wollte, auch einen Platz im himmel zu bekommen bevor es zu spät ist. Ich bin in einer sehr liberalen Familie groß geworden. Meine Mutter hatte aufgrund vieler Gewalterlebnisse in unserem Herkunftsland, keine sonderlich große politische oder religiöse Einstellung, außer, dass jedes Lebewesen ein Recht auf Liebe hat. Mein Vater wiederum war der Kapitalist mit kommunistischen Hintergrund und religiös einzig allein Gott unterstellt und keiner religiösen Tradition. Und so wuchs ich auf mit der Einstellung, dass mit genug Liebe alle Menschen zusammen viel Geld verdienen können und alle, wohlgemerkt unabhängig ihrer Konfession, zusammen und gleich gegenüber einander in das Paradies einkehren irgendwann. Ich weiß harter Kindertobak! Aber wie gesagt ich habe sehr früh angefangen zu viel nachzudenken.

Seit dem Erlebnis mit der nackten Frau, die ich in der Kindheit hatte, gab es für mich nichts schöneres und volkommeneres als den Körper einer Frau. Wenn ich recht darüber nachdenke hätte ich lieber damals etwas anderes gesehen. Ein Batzen Geld oder sowas. Dann wär ich nicht heute so ein verträumter Idealist.

Kein Vertrag… sag ich mir.

Doch die prallen Rundungen, die sich in der Sonne rekelten, die samtige Haut, die wie Seide ich mir vorstellte. All das war hypnotisierend. Ich weiß nicht, ob man in so einem Alter schon irgendwas von Sexualität in sich trägt, ich trug zumindent einen Ständer. Wir waren drei kleine Bengel. Eigentlich auf der Suche nach einem neuen Spielplatz bei uns in der Siedlung, als wir sie zwischen Büschen auf einer Wiese sahen. Keiner von uns sprach. Eine ganze Zeit lang ließen wir nur die Eindrücke auf uns wirken. Und dann, als ob wir alle den gleichen Gedanken hatten liefen wir los und sammelten Brombeeren, die in der Nähe zwischen den Büschen wuchsen. Den Busch haben wir ein oder zwei Tage vorher da gefunden und behandelten ihn wie einen Schatz. Und wie die heiligen drei Könige pilgerten wir mit den Brombeeren wie Geschenke vor uns in unseren Händen haltend zu dieser heiligen Städte und überreichten ihr die Beeren, auf dass wir nur einen Grund hätten sie länger sehen zu dürfen. Hätte ich doch bloß schon damals dafür richtig ärger bekommen, dann wäre mir später klar gewesen, dass man sich mit nichts auf der Welt sein Glück in der Welt verdienen kann.


Farzam Seyed Fardowsi, 2013

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