Zweite Hälfte erstes Kapitel (Schatten der Vergangenheit an einem sonnigen Tag)

Ich bin aufgewachsen mit der Vorstellung, dass nichts auf der Welt umsonst ist. Ich musste für jedes Spielzeug, was ich wollte, die hälfte der Kosten erarbeiten. Meistens spiegelten solche Arbeiten sich in Mülldienst, tägliche Hausarbeiten oder durch gute Noten oder sowas ähnliches wieder. Diese Arbeiten wurden mir dann als Guthaben gut geschrieben. Zwei Mark für Müll rausbringen, 5 Euro für spühlen und zum Beispiel 15 wenn ich den Rasen gemäht hab. Aber dadurch hab ich gelernt, dass alles einen Wert hat und dass man nicht einfach so etwas vom Leben bekommt. Leider hab ich dadurch auch den Eindruck gewonnen, dass wenn ich etwas leiste, ich auch etwas von der Welt verlangen kann.

Kein Vertrag… sag ich mir mal wieder.

“Du musst nicht abstempeln.” erinnere ich mich, wie ein Busfahrer das damals gesagt hat, “Die neuen Tickets sind schon entwertet!” “Ok, also kann ich einfach durchgehen?” hab ich damals gefragt. “Ja klar kleiner geh und setz dich hin!” Ich war in der siebten Klasse oder so und auf dem gewohnten Heimweg mit dem Bus. Die Sonne schien und ein warmes Gefühl breitete sich auf den Stellen des Körpers aus, die sie berührte. An den Stellen, die im Schatten blieben war eine kalte Taubheit zu spüren. Vielleicht gerade weil die anderen Stellen warm wurden, war es besonders deutlich spürbar. Es war ein üblicher Tag im Herbst. Ich drehte mich um und wollte nach hinten in den Bus gehen und mich hinsetzen als eine etwas ältere Dame mich am Arm gepackt hat und fest zu drückte. “Hab ich dich!” fauchte sie mich an. Ich bekam Angst! Die übliche Angst, die man als Lausbube hat, weil man schon viele Streiche gemacht hat und daher mit einem Grundtonus von schlechtem Gewissen immer damit rechnet bestraft zu werden. “Der Türke hier wollte einfach durchgehen ohne zu bezahlen!” schrie sie nach vorn zum Fahrer. “Ich bin kein Türke!” dachte ich noch. Nicht dass ich was gegen Türken hätte aber ich bin einfach keiner. Der Fahrer sagte, “Er hat schon bezahlt!” Die Dame erwiderte ” Ich sag ja auch, dass er nicht abgestempelt hat!”. Ich habe ein zusammenziehendes Gefühl in der Brust. Meine Lunge hört auf Unterdruck zu erzeugen damit ich einatme. Ich atme aus! Einen ganz langsamen und erdrückenden Atemzug lang. Der Fahrer deutet an, dass ich weiter gehen soll. Ich gehe sofort und setze mich hin. Die Dame und der Fahrer diskutieren lautstark. Ich höre Stimmen von Erwachsenen im dumpfen Ton von einer Posaune. Ich versuche mich abzulenken.

Als Ausländer in Deutschland hat man es grundsätzlich leicht wenn man die Sprache gut kann und halbwegs Weltoffen ist. Ich rede jetzt nicht davon leicht Arbeit zu finden oder so, sondern über den Umgang und das Zusammenleben mit anderen Menschen, speziell mit den Deutschen. Und dennoch findet man sich oft in shizophrenen Gefühlen wieder. Wenn einem zum Beispiel die Kinder im Kindergarten sagen, dass sie einem gern haben, aber alle anderen Ausländer hassen. Ich hab als Kind große Angst gehabt, wenn die deutschen sich entscheiden nichts mehr mit Ausländern zutun haben zu wollen. Weil ich dann wenig Zeit hab, dass ich vorher noch mit allen deutschen befreundet bin, damit sie mich nicht hassen, wie die Anderen. Gleichzeitig enstand dabei ein Gefühl kein Ausländer zu sein und doch kein Deutscher zu sein. Zum Glück hat sich bei mir darin entwickelt, dass ich einfach Ich bin. Mein Leben lang hatte ich sehr gemischte Freundeskreise. Aus allen Gesellschafts- und Nationalzugehörigkeitskreisen. Für mich gab es diese Zuordnungseinheiten nicht. Für mich gab es nur Menschen. Ich habe in der Grundschule erst den katholischen Unterricht, besucht dann den evangelischen und schliesslich habe ich auch den Islamunterricht besucht. Für mich gab es darin keine unterschiede und wenn es welche gab, waren es die Klamotten oder die Musikrichtungen, die die Leute bevorzugten. Es ging bei allen darum gut zu sein und miteinander gut zu leben. Etwas, was ich später wiederfand, als ich zur Philosophie angelangt bin. Jeder soll anziehen und hören, was er will hab ich mir gesagt, solange er akzeptiert, dass es auch Leute gibt, die anders sich anziehen wollen und auch gut zu denen ist. Sonst versteht man von Religion und Philosophie nur die Klammotten und nicht worum es eigentlich da geht.

Plötzlich blitzt in meinem Auge etwas rotes auf! Ich hebe den Kopf wie ein Kaninchen, was gerade seine Umgebung auf Gefahr abschätzt und bemerke, dass ein Kind gerade mit einem Ball spielt. Gleich darauf folgen ihm auch schon drei weitere, die in Farbenfroher Bekleidung das Gelb der Sonne zersprengen. Zunächst bin ich enttäuscht, dass es keine Frauen in Sommerkleider waren.

Kein Vertrag… sag ich mir!

Ich schaue auf die Uhr und bemerke, dass es Zeit ist sich auf den weg zu machen. Ich laufe durch die verschiedenen Straßen schlendernd Richtung Flussbett, laufe da ein ganzes Stück aus der Stadt heraus und finde den Strand an dem ich mich verabredet hatte. Ich setze mich hin und blicke auf das Wasser. Auf der anderen seite des Flußes brennt schon ein Feuer und ich sehe Leute sich vorbereiten auf den ankommenden Abend.

Wie viele Abende habe ich auch mit Freunden solche feuer gemacht. Wieviele in denen ich ein Mädchen mitgenommen habe, was mir gefällt und ich gehofft habe in ihr das zu finden, was ich seit jahren schon am suchen bin. Doch jetzt weiß ich es besser. Es gibt keinen vertrag. Man hat mich nie gefragt ob ich Leben möchte. Man hat mir nie ein Vertrag angeboten, dass, wenn ich Lebe und gewisse Bedingungen erfülle ich Anrecht auf irgendetwas hätte. Und doch habe ich jahrelang darauf gewartet. Ich denke mir, klar, ich bin doch erst 29 und dennoch kennt man, dass man sehr oft diesen Anspruch an sein Leben stellt. Ich tue doch etwas, was wert ist belohnt zu werden! Ich arbeite an etwas und will die Früchte meiner arbeit auch ernten. Es kann doch nicht alles Zufall sein! Oder etwa doch? Mein Leben lang, suche ich schon nach der Liebe. Andere suchen ein leben lang nach Gesundheit, nach Glück in der Familie, nach Frieden im Land, nach Freiheit, nach Macht, nach Glauben, nach unabhängigkeit, nach der verwirklichung ihrer Selbst und und und und die Frage die besteht ist. Arbeite ich zuwenig dafür, hab ich es mir noch nicht verdient? Muss ich noch mehr Geduld dafür haben? Die Antwort darauf ist kein Vertrag! Das leben schuldet uns nichts. Wir haben keinen Anspruch darauf uns etwas zu erfordern. Wir können darauf hin arbeiten, uns die Möglichkeiten dazu ermöglichen, aber ob solche Dinge dann auch wirklich eintreffen können wir nicht erfordern.

Ich sage nicht, dass sie nicht kommen. Aber mit der Einstellung ins Leben zu gehen, dass sie kommen müssen, lässt uns nicht sehen was wir vom Leben tatsächlich bekommen. Wir wollen nur noch das eine sehen und erfreuen uns solange nicht mehr an anderen Dingen, bis wir das eine bekommen haben. In diesem Augenblick spüre ich naße Wärme, wie schweiß an mir herunter fließen. Das fließen wird immer mehr und da bemerke ich etwas sprenkelt auf mir drauf. Ich schaue nach oben und mein Gesicht wird gleichsam eingedeckt in feucht warmer, naßer Gelbheit. Ein beißender Geruch sticht mir in die Nase und daraufhin bemerke ich, womit ich eigentlich gerade eingedeckt werde. Ja es ist Pisse und nicht irgendeine Pisse, sondern die Pisse eines Engels.


Farzam Seyed Fardowsi, 2013

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6 thoughts on “Zweite Hälfte erstes Kapitel (Schatten der Vergangenheit an einem sonnigen Tag)

  1. Ja, wenn uns was fehlt und wir was suchen haben wir manchmal so einen Tunnelblick, dass wir nicht mehr sehen wie schön unser Leben doch eigentlich ist und was wir alles bekommen haben. Und manchmal liegt das was wir suchen direkt vor unseren Füßen. Aber durch die lange Suche haben wir manchmal so festgefahrene Vorstellungen, dass wir es gar nicht erkennen.

    • Ja das mein ich ja! Im Grunde soll die Geschichte ja auch darum gehen. Aber einige Problematiken will ich halt dabei auch klar machen. Es ist schwer von der Schönheit gemessen am Gewünschten auf die Schönheit des Vorhandenen zu wechseln. Ausserdem gibt es gewisse Sachen, die bei aller Schönheit im Leben dennoch wünschenswert sind und das Ausbleiben dennoch traurig ist und frustriert. Wie zum Beispiel der Wunsch nach Liebe. Bei aller Liebe, die wir von Freunden und Familie und meinetwegen Gesellschaft erhalten, ist das dennoch kein Substitut für die Liebe der Liebenden. Als letztes darf man eben nicht vergessen, dass die Möglichkeit besteht, dass alles schief gehen wird und man braucht auch dafür eine Form von Umgang und Vorbereitung. Aber Ja du hast natürlich recht und das will ich ja mit der Vertragslosigkeit des Charakters im Buch erzwingen, dass er eben viel mehr besitzt als die, die einen Vertrag haben

      • Sorry, ich hatte als ich dir geantwortet habe nur den einen Post von dir gelesen und wußte noch nicht das es um ein Buch geht. Deshalb bin ich weniger auf die Vertragslosigkeit eingegangen und mehr auf die Suche. Ich hatte das noch ein bischen anders gemeint. Egal ob mit Vertrag oder ohne, wenn ich was über lange Zeit suche, dann hab ich mir ein Bild von dem gemacht was ich suche. Z.B. bei Liebe (ich meine Liebe zwischen Liebenden) habe ich ne ganz feste Vorstellung davon wie Liebe aussieht, sowas wie ne innere Checkliste. Manchmal auch unbewusst. Und wenn die Liebe dann wirklich auf einmal vor mir steht, dann geh ich weiter weil ich sie nicht erkenne und stell mir so immer wieder selbst ein Bein. Vielleicht könnte man sagen, wenn ich Liebe suche, dann muss ich den Vertrag in mir mit der Vorstellung davon, was Liebe ist, auflösen? Zumindest finde ich es interessant das ganz tiefe Liebe oft zwischen Partnern entsteht, die sich am Anfang gar nicht gefallen haben.

        Sorry wenn ich dir jetzt hier vielleicht Durcheinander gemacht habe. Aber ich wünsch dir ganz viel Erfolg mit deinem Buch !

      • Ja kein Problem, find ich gut. Also erstens find ich es lustig weil ich vor jahren ein Konzept für einen Kurzfilm hatte, wo zwei Liebende sich treffen und in einer extra slow-motion eine Vorblende kommt in der die beiden ausmalen wie es sein wird wenn sie sich ansprechen würden und letztlich trotz der Schönheit des vorgestellten (und der Kontroverse der verschiedenen Ansprüche) sie aneinander vorbei gehen. Daran musste ich denken, als du das mit dem weitergehen erwähnt hast.
        Ich hab ehrlich gesagt allerdings mehr Angst davor, dass wir in einem Zeitalter sind, wo wir aus Angst verletzt zu werden, dem Ganzen uns entsagen. Ich erlebe immer mehr Menschen die Liebe an sich für überholt ansehen und die meisten der Anderen in meinem Alter sind schon unter Dach und Fach.
        Ich glaube an Offenheit mangelt es bei mir zum Beispiel da nicht, eher dass entweder die meisten nur eine Affäre wollen und ich darauf keine Lust mehr hab oder aber eben die sich gar nicht die Mühe machen wollen mich kennenzulernen, weil kann ja sein dass die Mühe wieder in Schmerz endet, oder sie haben schon jemanden. Vertragslosigkeit mit sich selbst, wie du es sagst, stimmt schon, aber manche Wunden aus mancherlei Erlebnissen sind zu tief, um einfach wieder von vorne, ohne Ansprüche, an die Sache ranzugehen.
        Fühl dich frei mir zu schreiben wann du willst. Auch über einzelne Themen! Ich hab auch nicht gecheckt, dass du nicht über das Thema als Geschichte schreibst 😉

    • Das ist natürlich absolut richtig! Frage bleibt dennoch, ob man das sein lassen sollte oder die Qualität des Verlangens ändern? Und natürlich ob man das überhaupt sein lassen kann?

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