Resume einer unverhofften Begegnung

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Sichtlich verwirrt steck ich mein Kopf ins Wasser und säubere mich. Im nächsten Moment kommt auch schon Michael. Er sieht mich verwundert an und sagt:

” Alter du stinkst! Was ist passiert? Du warst doch sonst nicht so der Fan vom schwimmen im Rhein!”

Ich rieche die Mischung von Ammoniak und Algengeruch an mir. Mir wird schlecht als ich daran denke, was mir gerade passiert ist und ich rede nicht unbedingt nur von der Pisse. Das allein wär ja schon schlimm genug!

” Warum bist du zu spät?” frag ich um abzulenken.

Michael schaut mich weiter verdutzt an: ” Sag mal riechst du nach Pisse?”

“Lange Geschichte!” lüge ich und versuche dabei so gelassen wie möglich auszusehen, indem ich ein bis zwei Schritte weiter gehe und mich mit dem Ellenbogen an einem Baum anlehne.

Die Blätter rascheln in der hier entstandenen Stille. Ein Rabe schreit im Hintergrundauf. Das Wasser plättschert still ans Ufer. Ich schaue nachdenklich zum Horizont

“Ich hab nen Doppelstrahl gehabt!” brech ich das schweigen.

“Was zum Henker ist ein Doppelstrahl?” fragt Michael kritisch.

“Kennst du das, wenn man pinkeln muss und plötzlich ein zweiter Strahl neben dem Hauptstrahl in eine Völlig andere Richtung schießt? Ein Doppelstrahl halt!” versuchte ich zu erklären.

“…und dieser zweite Strahl ist urplötzlich nach hinten oben auf dein T-Shirt losgegangen oder dachtest du dir na dann sprenkel ich doch gleich alles und jeden an, wenn ich jetzt nen Doppelstrahl hab?” sagte er ungläubig.

Ich werde rot. Mir fällt kein Ausweg mehr ein.

“Was ist los mit dir? Erst bist du verzweifelt und redest ein ganzes Jahr von nichts anderem als, dass dein Schicksal dir ein Streich spielen will und wie schlimm doch die Welt ist, deine Wünsche nicht zu erfüllen und jetzt…“

Er atmet einmal tief durch und versucht sich zu sammeln. Offensichtlich macht er sich wirklich Sorgen um mich.

Jetzt redest du von irgend so einem halbherzigen Frieden mit dir selber. Aber das einzige was ich sehe ist, dass du dich um gar nichts mehr kümmerst. Himmel, du kümmerst dich nicht mal mehr um dich selbst mittlerweile!”

Ich schaue mir seinen Leberfleck unterm rechten Auge interessiert an. Er ist größer als viele andere Leberflecke, die ich vorher gesehen hatte. Die Farbe ist heller mit einem Stich Hautfarben. Die Oberfläche ist zwar rau, sieht aber weich aus. Ich stelle mir vor wie es wäre da leicht drüber zugehen und ob man dabei die Weichheit der einzelnen Strukturen fühlen würde.

“HÖRST DU MIR ÜBERHAUPT ZU?” wurde Michael lauter.

“Du hast ja recht!” antwortete ich schnell um das Schlimmste zu entschärfen, “aber jetzt bin ich im Moment zu beschäftigt mit anderen Ich-Problemen als dieses Spezielle!”
“Was für andere Ich-Probleme?” fragt er.

“Ich möchte nicht darüber reden!” verdeutliche ich mich in der Hoffnung, dass er nicht weiter nachfragt.

“Ich mach mir halt nur sorgen.” sagte er in einem ruhigen Tonfall.

Ich kann mich sehr glücklich schätzen jemanden als Freund zu haben, der sich um mich sorgt und dennoch auf meine Privatsphäre achtet. Ich bin halt so und er weiß das. Ich erzähle den ganzen Tag von Gott und die Welt und ich mache auch kein Halt vor den schlimmsten eigenen Erlebnissen und solange ich das mache, das weiß auch Michael, komme ich mit den Erlebnissen klar. Wenn ich aber etwas nicht erzähle, brauche ich Zeit, um darüber nachzudenken oder bin einfach noch nicht bereit darüber zu sprechen. Meine besten Freunde kennen das und sind dann einfach nur für mich da und versuchen mich auf bessere Gedanken zu bringen und mich darin zu begleiten. Ich wünschte mir ich hätte auch so jemanden als Frau und dazu noch gutaussehend und in meinem Bett… flieg ich mit meinen Gedanken in tausendmal Gedachtes wieder ein. Meine Haut fühlt sich wieder trocken an!

“Ich möchte mich umziehen. Können wir erst mal nachhause?”

“Klar!”

Wir schlendern in der abendlichen Sonne über das Gras in Richtung Heim. Ich wohne in einer riesigen Maisonette mit drei weiteren Personen. Zwei davon sind alte Kindheitsfreunde von mir, Michael und Lars. Ich habe ein Zimmer so klein, dass gerade Platz für ein Bett, ein Schreibtisch und eines dieser Regale ist, die alle haben, von einem berühmten Möbelmarkt, wo alle einkaufen. Darin hab ich mir einen Schrein aufgebaut aus ganz vielen verschiedenen Gottheiten. Ich bete diese nicht an, sondern sie stehen nur als Symbol für meine Toleranz gegenüber allen Glaubensarten. Ich habe sogar an die Atheisten Gedacht und habe eine Ecke freigelassen als Symbol für das da nichts ist. Demgegenüber gibt es auch eine Stelle wo nichts ist, diese ist für die Monotheistischen Religionen gedacht. Denn Gott ist ja überall und soll ja auch nicht durch ein Abbild dargestellt werden. Also ist da auch repräsentativ nichts, weil ist ja was! Mein Zimmer ist zwar klein, aber dafür haben wir ein riesiges Wohnzimmer. Die Böden sind braune Dielen und die Decke ist so hoch, dass wir eine zweite Etage aus einem Fischernetz gebaut haben und mit ganz vielen Kissen und Decken versehen. Rauf kommt man mithilfe einer Hängematte, die man per Flaschenzug hochfahren kann. Ganz viele CDs hängen hier und da an Wänden und ein kleiner Garten an Gewürzkräutern garniert eine Ecke des Wohnzimmers direkt unter dem Fenster.

In der Spüle klappert das Geschirr, als wir die Tür ein bisschen zu rasch schließen. Eine brühe aus Fett, Gemüse und Salatresten fließt aus einem Teller in die Spüle und macht dabei ein Geräusch, das sich wie ein kleiner Bach anhört. Wie wohl eine Suppe aus dieser Brühe schmecken würde? Ich stelle mir vor, damit, Kinder in der dritten Welt zu füttern, verwerfe das aber wieder ganz schnell.

Was ist, wenn das was er mir gesagt hat wahr ist? Was wenn er wirklich echt ist? Was mach ich denn jetzt? Erst mal in mein Zimmer und was neues anziehen. Zu viele Eindrücke schießen mir durch den Kopf. Ich versuche das ganze nochmal durch zu gehen. War es wirklich ein Engel. Ich hätt ihn überprüfen sollen. Weiß nicht…zum Beispiel ihn bitten, dass er mir sein Schritt zeigt oder so! Die haben da doch nichts oder? Aber warte mal, wie hat er
mich dann überhaupt angepisst. Er kann einfach nicht echt sein! Das, was er gesagt hat kann nicht wahr sein! Zuviel um sich jetzt, in der kurzen Zeit, damit zu befassen. Ich schließe die Augen und fühle Druck in meinem Halsbereich. Ich schlucke runter. Einen Augenblick verweile ich so. Dann dusche ich und ziehe mir was anderes an. Wir gehen los. Ich hoffe, dass die Party mir meinen Kopf frei macht, wenn auch nur für einen Moment.


Farzam Seyed Fardowsi, 2013

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