Resumé einer unverhofften Begegnung (2 Hälfte zweites Kapitel)

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“Sag mal spinnst du?” brülle ich los, “Was geht bei dir?”

Direkt über mir auf dem Baum seh’ ich jemanden stehen, der mit einer Hand in die Seite, die Andere an den Baum gestützt, in die Ferne schaut und vor sich hinpinkelt. Im Mundwinkel schaukelt eine Zigarette hin und her. Obwohl ich nicht direkt rein schaue, blendet mich die Sonne, weil sie gerade untergeht.

“Oh da ist ja jemand?” stößt er überrascht mit der Tiefenentspannung einer Hindu-Kuh, aus einem Gedanken aufwachend, aus.

“Was geht? Sag mal bist du am PISSEN?”

“Huch, das tue ich ja wirklich!” erwidert er bemerkend.

Ein Moment der Perplexität macht sich breit, wir verweilen darin.

“Sag mal, KANNST DU AUCH AUFHÖREN DAMIT?”

“Oh ja…aeh…klar…Moment!” bestätigt er und beginnt sich an seiner Garnitur rum zu fummeln. Erst jetzt bemerke ich, dass er eine weiße Robe oder sowas trägt. Ich frage mich, ob er jemand ist, der aus dem Psychiatrie ausgebrochen ist. Wer zum Henker trägt den sowas? Er ist recht groß, ein Hager und hat eine sehr, sehr weiße Haut. Vom Gesicht her sieht er aus, wie eine Kreuzung zwischen einem Elfen und einem zehn Tage wachen Pep-Junkie. Er trägt keine Schuhe und außer seiner Robe hat er kein Schnörkel an sich. Mit einem Satz springt er vom Baum herunter und ich stelle mir vor, wie er Katzenartig heruntersegelt. Er segelt als gleich eines Drachenfliegers gen Grund, getragen von einer unsichtbaren Macht, zumindest dacht ich das für einen Moment. Stattdessen landet er auf seinen Füßen, klappt dermaßen zusammen, dass sein Kopf mit voller Wucht in den Boden rammt. Sein Rückrat hat die Grenze der Physik überwunden schießt mir durch den Kopf. Er geht in die Hocke und hält sich seinen Rücken, setzt sich auf und atmet zischend ein. “ahhhhhhhhh”

” Was machst du? Bist du Irre?” Frag ich in Panik während ich auf ihn zu renne

” Ahhhh!!!” antwortet er.

“Alles gut bei dir?”

“AhhhhhhhhHHHHH” wiederholt er und schaut mich dabei eindringlich an. “Jaja ist ja gut, lass dir Zeit dabei!” Sag ich und füge im Gedanken hinzu, dass ich eh nicht mit ihm reden will.

“Also das ist ja unhöflich!” motzt er los. “hat man dir keine Manieren beigebracht?”

“Hör mal… wer auf andere Leute pisst und sich nicht mal dafür entschuldigt, braucht mir nichts von Manieren zu erzählen!” fauchte ich zurück.

“Dass bisschen Pisse ist vergänglich, einen Menschen zu ignorieren nicht.”

” Was soll das denn heißen?”

“Nichts! Gestatten, mein Name ist Gregor und ich bin ein Engel!” Sagte er völlig ernst. Er dreht sich um hebt einen Finger: ” Genau genommen eine Grigori, ein Engel der untersten….”

” Was zum Henker, jetzt reicht’s! Ich geh jetzt weg und wir vergessen das ganze einfach. Ich hab doch keine Zeit mich mit nen Irren…” Ich halte mich an. Das war nun wirklich unhöflich, aber ich bin aufgebracht und will einfach nur noch weg.

“Moment! ich weiß wer du bist!” sagte er wiederum völlig ernst.

Ich stoppe.

“Dein erstes mal war mit einem Mädel, dass ein Jahr älter war als du, aber am gleichen Tag Geburtstag hatte. Es war an eurem Geburtstag, als sie dich verführte! Du warst noch ein Kind und völlig überfordert. Warte! Wie alt warst du nochmal….”, ich halte den Atem an als er es ausspricht, “Und….. Und du mein Freund……

Alles um mich herum versinkt in ein Tinnitus die Monotonie überwältigt mich…

“hast keinen Vertrag abgeschlossen!”

 

Wie soll ich jetzt mit der Wahrheit, wenn man davon überhaupt reden kann, umgehen? Rein hypothetisch! Was sollte das ganze? Er hat mich um drei Längen zurückgeworfen.

Kein Vertrag, du Penner, das hab ich durch Qualen und Folter selbst erkannt! Und jetzt kommt so ein dahergelaufener Irre um die Ecke und erzählt mir, das wäre von Anfang an so beschlossen gewesen. Die Party ist im vollen Gange! Viele Menschen treffen in einem Raum zusammen, um sich mit Alkohol Mut anzutrinken und unter dem Deckmantel “schöne Zeit zu verbringen” sich gegenseitig in ein soziales Spiel zu verwickeln und daraus entweder als psychischer oder physischer Gewinner heraus zu gehen. Psychischer, wenn man als anerkannter Soziopolit daraus hervorgeht und Physischer, wenn man sich in den weichen Armen der sexuellen Lust wiedergefunden hat. Es gibt Momente in denen ich mich auch diesem Spektakel ausliefere. Wo ich nicht wie jetzt in einer Ecke stehe. Mein Getränk in der Hand, an meiner Zigarette ziehe und mir das Schauspiel irgendwo aus der Ferne meiner Gedanken betrachte.. Ich bin gerade zu interpretativ zu aufnehmend und zugleich zu sensibel für eine Party. In meinem Kopf bin ich gerade eher auf einer Wildnissafari und die ganzen Löwen und Gazellen und Elefanten und Gnus und was weiß ich was haben beschlossen alle gleichzeitig nicht an mein Jeep…Nein…In mein Jeep zu pissen! Man muss zugeben, selbst der erfahrenste Wildnisforscher würde sich da Gedanken machen, ob er weiter diese Wildnis erforschen will oder einfach nur angepisst ist? Warum denk ich nur noch über Pisse nach? Oh ach ja, ich bin angepisst worden.

“Hehehe” lach ich, über mich selbst spottend vor mich hin!

“Warum lachst du so?” fragt Lars von der Seite.

“Ach nix, ich bin irgendwie heute nicht bei mir selbst, oder einfach zu sehr bei mir selbst!” antworte ich “Ich frag mich, ob es ne gute Idee war hierher zu kommen!”

“Ach quatsch alter, hier ich hab dir nen shooooooooooot muettttgueeeebraaaaa…”

Stille, die Zeit blieb stehen. In einem einzigen Moment, als gerade zwei Gäste aufeinander zugingen, erblicke ich durch die beiden durch, ein funkeln. Alles wurde Leise! Die Bewegung der beiden Gäste aufeinander zu verengte sich in ein Augenblick und erstreckte sich in eine Ewigkeit und da erblickte ich sie…die Grünen Augen, die mir wie giftige Schlangen das Signal gaben, vorsichtig zu sein. Die Haut, die mir wie eine rote Ampel den Befehl gaben anzuhalten und die Weiterfahrt anderen zu überlassen.

“…bracht! Hier trink mal!” war ich wieder zurückgeworfen auf mein jetzt und hier und der Geschwindigkeit des, unermüdlich voranschreitendem Leben. “Äh ja danke!” sagte ich geistesabwesend. “Sag mal Lars, hast du schon mal eine Rothaarige Freundin von Lea kennengelernt oder so?”

“Nee du!” kicherte er ” Seit ich mit ihr auseinander bin, hab ich gar keine Freundin von ihr gesehen. Du weißt doch wie eifersüchtig sie schon in unserer Beziehung war! Jetzt hab ich manchmal das Gefühl, sie lässt mich keine ihrer Freundinnen kennen lernen, damit ich bloß nicht was mit einer hab oder so!”

“Schade!” sag ich immer noch in Gedanken versunken. “Vielleicht hofft sie ja insgeheim, dass du wieder zu ihr zurückkehrst!”

“Du spinnst!” sagte er etwas melancholisch vor sich hin.

Wir stießen an und ich kippte das warme Gesöff runter, das er mir mitgebracht hatte. Was war das eigentlich? Bei diesem Grad der Wärme schmeckt eh alles gleich…

“Du hörmal…. ich muss grad mal was abchecken gehen! Komme gleich wieder!”

“Ja ja, wer kennt diesen Spruch von dir noch nicht! Das letzte mal als du das gesagt hast, hab ich dich unten-ohne auf nem Longboard nen Hügel runterrasen sehen!” Sagte er und kicherte in sich hinein.

“Nein ernsthaft Mann, bin gleich zurück!”

Die Luft war dick! Kein wunder! der ganze Tag war ja schon so heiß und stickig. Packt man im gleichen Verhältnis zur sinkenden Anzahl der Gradunterschiede zwischen Tag und Nacht, wärmende Menschenkörper auf ein halb-geschlossenes System, wie eine Wohnung, kann man durchaus die Stickigkeit und Hitze des Tages beibehalten. Diese Party war um einiges voller. Ich schwitzte! Selbst das Schwitzen in der Sauna würde der Beschreibung meines Schwitzens nicht genügen. Ich stelle mir kleine Menschen vor die gerade in einer Idyllischen Siedlung auf meiner Stirn leben und wie sie in der Zukunft über die große Sintflut schreiben werden.

Ich schau mich um und suche nach ihr. So groß ist die Party ja nicht. Sie kann doch nicht einfach verschwinden. Überall sehe ich Brüste und Frauen in Miniröcken. Unter anderen Umständen an einem anderen Tag, verdammt nochmal heute morgen schon, hätte mir das genügt, um zumindest ästhetisch gesättigt worden zu sein. Doch genau jetzt sehe ich all das als Behinderung. Ich fühle mich wie ein Getriebener. Der Erlösung verlockt und vorbehalten! Ich schwimme wie ein durstender, im Ozean dem Ufer entgegen, umgeben von Wasser, das zu trinken mir mehr schaden würde als helfen und doch komm ich dem Ufer nicht näher. Irgendwann geb ich auf und geh erstmal raus auf den Balkon und setze mich auf den Rand. Draußen ist ein großes Lagerfeuer. Die roten und gelben Farben wechseln ihre Nuancen als ob sie gerade abwechselnd fangen spielen und erzeugen auf den Blättern der Bäume und auf den Wänden am Haus eine Atmosphäre wie in der Walpurgisnacht. Einige tanzen da drum rum. Ich dreh mich um zum Feuer und dort sehe ich sie, tanzend um das Feuer herum. Ihre Bewegung ist voller Anmut. Ich weiß nicht, was Andere darunter verstehen. Doch ich verstehe darunter eine Ausstrahlung, die Selbstbewusstsein und Erotik mit einer Grazie kombiniert, die weniger mit Aussehen zutun hat und mehr ein Zusammenspiel von Charakter, Schönheit und Stärke in der Bewegung ist. Einer anmutigen Frau würdest du zu jeder Zeit ein Abendkleid geben können und selbst wenn sie nicht auf Abendkleider steht, gäbe es kein Zweifel, dass sie eins tragen könnte. Voller Kraft bewegt sie ihre Hüften und doch ist jede Bewegung weich. Sie ist nicht wie die Bewegung, der meisten Tänzer in Shows und Tanztheatern, sondern voller Wärme und Erotik. Ihr beim tanzen zuzusehen ist vergleichbar mit mit ihr einschlafen. Umschlungene Bewegungen, die rythmisch aber übergangslos mit der Musik verschmelzen. Ihr Körper der sich mit ihrer Ausstrahlung zusammen in purem Verlangen in mir einverleibt. Das war keine Frau mit der man schlafen möchte, mit ihr will ich Kinder kriegen oder besser gesagt alles würde ich mit ihr machen ohne eine Sekunde Zweifel zu haben, dass es schief gehen könnte. Ich mochte Selbstbewusstsein schon immer. Ich habe nie verstanden, wie man mit jemanden zusammen sein kann, der man nicht zutrauen kann, auf Augenhöhe und gleichberechtigt für einander da sein zu können. Jedenfalls bin Ich hin und weg. Meine Augen weiten sich. Ich dreh mich mehr und mehr in ihre Richtung. Die Farbe der Flammen, die ihre samtige Haut mit warmen rötlichen Zungen umschlingt. . Ihre langen Beine, die sich ausstrecken um einen weiteren Schritt zu tanzen….

Ich glaube ihren Ausschnitt zu sehen! Ich glaube ihre schön, geformte Brust sehen zu können. Ich drehe mich weiter, um genauer sehen zu können. Ich blinzel…… Ich fokussiere, versuche zu zoomen und….

Pnock!!!!

Das dumpfe Geräusch wenn ein Kopf auf Rasen aufschlägt.

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Farzam Seyed Fardowsi, 2013

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