Erwachen aus Taubheit der Alltäglichkeit (3 Kapitel, 1 Hälfte)

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“Was meinst du damit?” frage ich ihn neugierig.

“Wie ich es gesagt habe natürlich, ich mein, was kann man denn da nicht verstehen?”

“Alles?” sag ich empört.

“Also ja halt… du hast kein Vertrag!”

“Das hast du schon gesagt.”

Er atmete genervt ein. Ich warte auf seine Antwort. “Hast du dich schonmal gefragt, warum dir nicht zukommt, was du verdienst? Nein, anders…warte mal… weißt du was du vom Leben willst?”

“Ich verstehe nicht!”

Er springt von einem Bein aufs andere sichtlich frustriert.

“Was ist das wichtigste….Nein… was wäre das wichtigste, ich meine halt das, was du bekommen könntest und es aber nicht hast…. also vielleicht hast du auch und weißt es nur noch nicht!”

“???”

“ok” atmete er tief ein ” Nochmal… wenn man dir alles anbieten würde, was du willst, was würdest du mehr als alles andere haben wollen?”

“Weiß nicht, ich denke im Moment hätt ich gerne eine Dusche” sag ich während ich versuche den beissenden Gestank an mir nicht einzuatmen.

“Ha! Im Moment ist das Sprichwort. Das hast du damals auch gesagt.” Erwartungsvoll schaut er mich an. Ich wundere mich darüber, dass er ohne ein Wimper zu zucken ignoriert, was er mir vorhin angetan hat.

“Haben wir uns schonmal kennengelernt?”

“Das Ding ist, du weißt nicht was du absolut willst!”

“Was heißt absolut?” frag ich ihn neugierig.

“nicht Jetzt, nicht später, nicht vorher, sondern überhaupt und zu Genüge!”

“Und?”

“Ok, also… Sagen wir vor dem Leben hattest du die Chance etwas auszusuchen, was du vom Leben erwartest.”

“Sagen wir das?”

“Als Preis, nein besser, als Geschenk dafür, dass du einfach Leben musst! Quasi als Schmankerl für die Zeit, die du mit allen Unebenheiten des Lebens verbringen musst. Ein Dankeschön, dass du am Projekt Leben teilnimmst. Alle wählen etwas und müssen in Gegenleistung etwas machen. Kleine, für euch Menschen nicht bemerkenswerte Entscheidungen, die die Dinge so laufen lassen, wie es sein soll.”

“Ok?!” sag ich auf die Pointe wartend.

“Das nennen wir mal Vertrag!” erklärt er auf Anerkennung wartend. Ich schenk im kein bisschen davon. “Nun gut…ja…. und du hast halt damals nichts gewählt!”

“Sagen wir mal du hast recht”, mokiere ich seine Sprechweise” was ja schon schwierig ist anzunehmen! Warum zum Henker sollte ich da nichts nehmen? Alles wäre besser als Nichts!”

“Oh Interessant!” schaut er mich verwundert an ” aber nee…also ich meine… Hör mal Freundchen Warum du das gemacht hast hab ich doch auch keine Ahnung, das musst du dich schon selbst fragen!”

“Und jetzt?”

Er kratzte sich an der Schläfe. “Ja nun also was willst du denn jetzt?”

“Erwartest du nicht ein bisschen zuviel gerade von mir. Erst pinkelst du mich an, dann haust du mir eine der wahrscheinlich beklopptesten Geschichten, die ich je gehört habe um die Ohren und dann willst du von mir wissen, was ich mehr als alles andere auf der Welt will?”

“Nanana, wir wollen ja nicht so nachträglich sein!”

“Hör mal ich weiß ja nicht wie die Dinge laufen da wo du so herkommt aber…”

“Ja Ja, ich bin sauer bla bla bla… sag endlich was du willst!”

Er bringt mich in Rage, was denkt der eigentlich wer er ist!

“Ich will unendlich Wünsche!” sag ich halb neckend, halb triumphierend.

“Das hast du schon!” schmunzelt er zurück. Verwirrt blick ich ihn an.

“Hör mal Freund, hab ich vielleicht nen Ziegenbart und trage nen Turban oder so? Spiel keine Spielchen und wünsch etwas konkretes!”

“gut! Was ist mit der Wahrheit, ich will das alle mir immer die Wahrheit sagen!”

“No can do, Babydoll!”

“Was zum Henker…”

“Keine Superkräfte, ich sagte etwas, was du vom Leben willst, nicht was du aus irgendwelchen Comics und Filmen kennst. Ich frage nach der Einen Sache, die du wirklich haben willst, ohne das das Leben für dich nicht Lebenswert wäre”

“Weißt du was, du gehst mir auf den Sack. Ich hab das Leben auch ohne dich gelebt. Ich weiß noch nicht mal, warum ich überhaupt mit dir Rede. Und deinen Vertrag kannst du dir in den Arsch schieben. Ich komm auch ohne zurecht.”

“Kommst du?…ja?” fragt er besserwisserisch. Er wartet meine Antwort ab, ich geb ihm keine.

“du willst mir wohl die Zeit erschweren!” fügt er brummend hinzu. “Wie du, hust, willst!” hustete er mich an. Ich geh ein schritt zurück.

Er hustete los. Ein Husten, was ich so noch nie erlebt habe. Ich stelle mir vor wie irgendwo in der Welt gerade ein Damm ein paar Risse in der Fassade kriegt. Schmetterlinge die absturzen. Fürze die dadurch entlassen werden, weil die Erschütterung den Schließmuskel für ein Bruchteil der Sekunde gelockert hat. Ich schiebe die Gedanken beiseite und komm näher zu ihm, um zu schauen, ob es ihm gut geht. Plötzlich schaut er mich völlig ruhig an und sagt: “Dahinten kommt dein Freund.”

Ich dreh mich um, um in die Richtung zu schauen, in die er zeigt und ZACK erwischt mich ein Schlag an die Seite meines Kopfes. Nicht stark, nur ausreichend, um mich in den Sand nahe des Flusses zu werfen. Ich dreh mich um, um nach Gregor zu schauen, aber er ist weg. Ich glaube ich hab nen Hitzeschlag oder sowas denke ich. Ich stecke meinen Kopf in den Fluss.

Ich wache auf und mein Schädel brummt. Ich sehe Gesichter vor mir, die mich besorgt anschauen. “Geht es dir gut?” fragt mich eine weibliche Stimme. Keine grelle Stimme. Keine Tiefe stimme, sondern eine die beim reden ein bisschen Heiserkeit in sich trägt, weil sie die Stärke der Stimme unterdrücken muss. Ich stelle mir vor das sie mich gleich anschreit, wenn ich nicht aufwache.  Ich spüre förmlich in Zeitlupe, wie die Vibrationen der Schallwellen auf mein Trommelfell, erst einen kleinen Riss erzeugen, der aber in einem Bruchteil einer Sekunde aufplatzt und ich nur noch zwei Popkorngeräusche im Ohr habe und dann ewige Stille. Ich stelle mir vor wie Glasscheiben Gruselgeschichten von dieser Stimme ihren Kindern erzählen, wenn sie nicht pass-genau in ihrer Fassade ruhen. Verdammt wer ist das? Ich wache auf und sehe.

Als ich erkenne wer das ist, bleibt mein Herz einen Schlag lang stehen. Das rote Haar über mir lässt mich, selbst in meiner Benommenheit, sie wiedererkennen. Ich vergesse was gerade passiert ist.

“Hallo… geht es dir gut?” fragt sie wieder

“Ja gerne” sag ich völlig selbstsicher.

“Gerne was?” fragt sie mich verwirrt.

“Du kannst es dir aussuchen, ich hab kein Problem mit indischem Essen.” antworte ich mit einem, mir zumindest so vorkommenden, lächeln.

“Hey Lars…. ich glaub der braucht nen Arzt!” sagte sie während sie kichert.

“Gehen wir also nicht aus?” frag ich enttäuscht, aber im nächsten Moment kommt auch schon Lars. Sie lächelt mich nochmal warm und lässt mein Kopf fallen.

“Hey Hey Hey was machst du?” sagt Lars zu ihr während er zu mir eilt.

“Geht es dir gut?” fragt er mich hektisch” was ist passiert?”

Ich will Antworten, bin aber noch zu enzückt von ihrem lächeln, außerdem bin ich schon wieder in einem Wachtraum Zustand, weil tja…

“er ist einfach so rückwärts vom Balkon gefallen!” antwortet einer aus der Menge der Leute, die sich jetzt um mich gescharrt haben.

Grinsend nick ich ihm zu, um meine Zustimmung dazu zu geben.

“Was nickst du denn jetzt mit so nem grinsen, verstehst du überhaupt was gerade passiert ist? Ich glaub du musst zu nem Arzt!”

“Ich komm klar!” sage ich und mach mich daran aufzustehen ” ich brauch nur ein wenig Schlaf!” Sag ich und bemerke eine Welle von Schwindelgefühl über mich kommen.

“nix da! Ich bring dich in ein Bett, aber ein Krankenbett!”

“Hey Lars, ich hab echt keine Zeit dafür, mir geht’s gut man, mach dir keine Sorgen. Bin doch nur auf Rasen gelandet.” versuch ich so gut es geht vorzulügen. Ich seh wie Lars sich ein wenig entspannt. Vielleicht ist es der Alkohol oder aber meine glorreiche schauspielerische Leistung, die an eine Todesszene aus einem B-Movie erinnert, wo der Held seinen Hinterbliebenen versichert, ihm würde es gut gehen und die das einfach abkaufen. Jedenfalls lässt er ab vom Gedanken mich in ein Krankenhaus zu bringen.

Stattdessen bringt er mich in Leas zimmer und hilft mir ins Bett.

“Du kommst zurecht?” fragt er nochmal besorgt.

“Ja man! Lass mich einfach nur ein bissel liegen!” antworte ich.

Er geht raus und schließt die Tür. Ich höre die Stimmen der Partygäste außerhalb des Zimmers. Ich erinnere mich an meine Kindheit, wo meine Eltern mich auf Parties mitgenommen haben und ich da schlafen musste. Damals haben mich die Stimmen genervt. Ich habe immer versucht die einzelnen Stimmen zu Filtern und sie Personen zuzuordnen. Jetzt klingen die Stimmen für mich wie Musik. Ich will sie gar nicht filtern, ich lass sie ineinander übergehen, bis sie eine Stimme werden, eine Stimme, die wie ein Bach plätschert. Und genau in diesem Moment Schlaf ich in diesem Fluss treibend ein.

Farzam Seyed Fardowsi, 2013

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