4.2 IST EIN WUNDER DOCH NUR NE VERWUNDERUNG?

Ein paar Stunden später liege ich in meinem Bett und versinke in die Welt der Serien und Filme. Eigentlich lasse ich mich nur von der Serie beschallen ohne etwas mitzukriegen. Normalerweise tauche ich so in fremden Welten ein, um meine Gedanken ruhen zu lassen, jemanden mir von Welten erzählen lassen, die voller Hoffung und ganz  anders sind als die Welt in der ich Tag auf Tag in der ewigen Alltäglichkeit versinke.

Ich fliehe nicht! Ich Lebe!

In jeder dieser Geschichten finde ich mich und lebe für eine oder mehrere Stunden in anderen Welten, bin eine andere Person. Das ist meine Befreiung von der Bürde dieser Welt. Doch jetzt geht das nicht! Es ist fast so als hätten die Geschichten, die ich in den Filmen, Büchern und Serien gesucht habe, mich gefunden. Ich kann nicht eintauchen, denn ich bin mittendrin. Meine Gedanken sind immer noch beim Gespräch mit Gregor, mein Kopf noch völlig unklar. Im Hintergrund schreit eine Frau auf und beschuldigt ihr Gegenüber so lange über ihre Herkunft geschwiegen zu haben. Die Wände meines Schlafzimmers flackern in einem Spiel von Strukturen in Blau und Grau. Alles erscheint wie das Testbild der Fernseher aus früheren Zeiten. Warum jetzt plötzlich. Was hat es mit der Harmonie auf sich, die von Gott persönlich beschloßen wurde? Gregor hat entschieden das Ganze nicht wirklich aufzuklären. Er meint, dass man die nötige Zeit dazu braucht, um vernünftig mit der Wahrheit umzugehen. Was für eine Wahrheit? Was ein Humbug! In wirklichkeit will er genug Raum haben, um die Lüge aufrecht zu erhalten. Er meint die Wahrheit wäre ein Geschenk, das man gibt und erhält. Das ist die eigentliche Bedeutung dessen, was in vielen Religionen als Abbild Gottes beschrieben wurde. Die Wahrheit gibt es in erster Linie dadurch, das es die Welt gibt. In zweiter Linie aber dadurch, wie wir die Welt uns machen. Ziemlich einfach gesagt für nen Verrückten mit nem weißen Nachthemd, der aus dem Nichts in das Leben guter Leute eintretet und kein bisschen mehr erklärt, als auch nur das notdürftige. Er erzählte mir von einem Acker, den ein Herr seinen Arbeiter überlässt und die Arbeiter bearbeiten es oder sowas. Parabel wisch wasch. Kann ich bei dem, was die letzten Tage mir passiert ist sehr gut gebrauchen. Ich werfe die Fernbedienung neben das Bett und dreh mich auf mein Bauch. Im hintergrund flackert noch immer die Serie vor sich hin. Die Frau hat ihrem Gegenüber schon längst vergeben und einen Kuss als Krönung der Versöhnung hinterher geschoben. Alles Randschauspiel, denn mein ganzes Bewusstsein ist durchdrungen von dem Gedanken, was ab morgen nun mit mir Sein wird. Noch mehr unverständliches was ich verstehen soll. Reicht ja auch nicht, das mein Leben unverständlich genug war. Ich weiß zwar nicht, wie er das mit dem Muhn gemacht hat, aber vielleicht dreh ich auch einfach gerade durch. Hallus! Kann ihn überhaupt ein anderer sehen als ich?!

Das eingespiete Gelächter der Serie bringt mich wieder aus meinen Gedanken und ich bemerke, dass es schon sehr spät ist. Ich frage mich, ab wann wohl morgen ist. Meine gedanken driften wieder weg zu Mira. Ob ich sie wohl wiedersehe? Was das für ein Projekt ist, woran sie arbeitet? Wie schön sie eigentlich ist! Wärend ich darüber nachdenke, höre ich unten die Tür. Ich schaue von unserer Brücke aus runter. Ziemlich schlapp schleppt sich ein offensichtlich trübsinniger Michael in unsere Küche. Ich rufe Hallo runter.

“hmpf” seufzt er nur zurück.
“Na harte Nacht gehabt?!”

“Lass mich in ruhe!”
“Was ist los Micha?” frag ich ihn.
“Ich will nicht darüber reden!” entgegnet er geistesabwesend.
“Ach komm schon, es tut weh wenn man dich so sieht. Was ist passiert?” versuch ich ihm etwas zu entlocken.
“Ich wollte Claudia überraschen, weil ich wusste, dass sie auf der Party ist, indem ich ihr was nettes ans Fenster hänge.”

Claudia ist Michaels neue Flamme, für die er in letzter Zeit Kopf und kragen riskiert, nur damit er für sie interessant genug bleibt.

“Und?” frag ich neugierig und renne schon fast die Treppen runter zu ihm.
“Nun ja erstmal musste ich mir überlegen was. Also hab ich angefangen an Plakaten zu skalpieren, bis ich genug Buchstaben hatte um ihr ne Nachricht zu hinterlassen.” sagt er stolz, während er sich auf die Hände schaut. Anscheinend hat er sich dabei ein paar kleine Schnitte zugezogen.
“Nicht das erste mal, dass ich das höre!” Tu ich so als, ob er eine total langweilige Geschichte erzählt, damit er dran bleibt.
“Ja ich weiß, war ja auch blau und da ist man nicht gerade die Kreativitätsbombe.” antwortet er ohne zu bemerken, dass ich ihn voll erwischt habe und er nun alles erzählen wird, “jedenfalls hab ich dann irgendwann genug Buchstaben für meine botschaft zusammen!” Er fängt an mit den Finger die Umrisse der Buchstaben auf den Tisch zu zeichnen, um mir etwas deutlich zu machen.

“Ich wollte ihr schreiben ‘a Pen is not enough, to tell u i love you” sagt er schließlich.

Ich verziehe eine Augenbraue. Er schaut mich triumphierend an und lässt sich von meiner Reaktion nichts anmerken.
“Als ich allerdings bei ihr angekommen war, hab ich bemerkt, dass die Buchstaben viel zu groß sind um damit ihr Fenster zu garnieren. Also beschloß ich ihr die Botschaft unter ihr Fenster zu kleben. Ich klettere an dem Efeu, das an ihrem Haus den Stuck hinaufwächst, hoch, hatte nen guten Halt, komme oben an und mach mich an die Arbeit und so. Als ich die ersten Worte geklebt habe, bemerke ich ein heftiges Jucken an meiner Hand. Also beschloß ich es zu ignorieren. Ich hielt nämlich in der einen Hand, die zu klebenden Buchstaben, zwischen Kinn und Brust die restlichen und mit der juckenden Hand
hab ich mich am Efeu festgehalten. Beim bekleben des dritten Buchstaben  wurde das jucken immer
heftiger und ich konnte mich nicht mehr richtig konzentrieren.”
“Du weißt das Efeu zu Ausschlag führen kann, weil es teilweise giftig ist?” Sagte ich dazu.
“Als ob ich das im Suff noch weiß! Jedenfalls schaute ich rüber auf meine Hand, die war allerdings mit Efeu bedeckt also sah ich nichts. Das Jucken wurde schlimmer und schlimmer. Dann hab ich probiert mit meiner Stirn das Efeu weg zu biegen, um ein Blick auf meine Hand zu erhaschen. Just in diesen Moment….”

“Werd jetzt bloß nicht theatralisch!” unterbrach ich ihn.
“…Augenblick fielen die Buchstaben unter meinem Kinn runter und ich versuchte sie mit der Hand aufzuhalten. Naja!”
“Naja?”
“Mit beiden Händen!” betonte er.
“Und?” fragte ich immer noch nichts verstehend.
“Du weißt, dass Menschen nur zwei Hände besitzen?” sagt er während er mich eindringlich anschaut.
“Ja was hat das denn jetzt damit zu tun!” Sag ich verwirrt.
Er schaut mich eindringlicher an.
“OOOOoohhh!” stoße ich aus als ich verstehe was er damit meint.
“Aus dem zweiten Stock Alter!  ….. und riss dabei die halbe Efeu Ranke mit runter.
“Und dann? Geht’s dir gut?” fragte ich besorgt.
“Ja soweit schon. Aber dann ging die Haustür auf und ein Mann kam heraus, um zu schauen was passiert ist. Er schaute mich an. Dann schaute er an die Wand. Schaut mich wieder an. Und plötzlich rennt er auf mich los. Ich versuche in meiner Verzweifelung wegzurennen und verhedder mich dabei in den, mit Kleber bestrichenen Buchstaben. Der Mann wirft mich zu Boden und hält mich fest und schreit: “Das ist nicht dein Ernst. Was fällt dir
ein an anderer Leute Häuser so nen scheiß zu schreiben!” Ich bin völlig verwirrt, worüber er sich aufregt und kämpfe um freizukommen. Er haut mir eine und ich verliere das Bewusstsein. Im nächsten Moment spüre ich Handschellen an meinen Händen und ich werde hochgerafft.”
“Und warum hat der sich jetzt so aufgeregt?” wollte ich natürlich wissen.
“Beim weggehen bemerke ich, dass von meinem Satz nur die ersten drei Worte da standen. Und da ich vom Efeu aus arbeiten musste hab ich nun nicht wirklich genug platz zwischen den Wörtern gelassen!”
“???”
“Tja nun der Satz hieß ja …”
“A PENIS” schreie ich laut los und breche in Gelächter auf.
Michael schaut mich böse an “die Polizei fand die Geschichte leider nicht ganz so lustig. Haben mich auf die Wache gebracht, wo ich mit 1,5 Promille getestet wurde. Danach haben die mich in eine Ausnüchterungszelle gesteckt und mich darauf vorbereitet, dass ich wohl ein Dutzend Anzeigen, vom Hausmeister und den Werbetafelagenturen zu erwarten hab.”
Beschämt schaut er nach unten. Ich kann gar nicht aufhören mein lächeln zu verbergen, so hart ich das auch probiere.

Sag ich ihm lachend um ihn aufzumuntern und ernte dabei nur noch einen fieseren Blick. “Lustiger Weise
bin ich auch gestern von wo runtergefallen.!”
Er schaut mich weiter beleidigt an.
“Nein wirklich! Ich hab da dieses Mädel gesehen…” ich erzähle Michael die ganze Geschichte von der Party, meinen Fall vom Balkon und meinem Gespräch mit Lars.
“Das ist nicht dein Ernst! Nee du, halte dich von Der fern!” war das erste, was er zu der ganzen Geschichte zu sagen hatte.
“Was soll das denn jetzt! Ich öffne dir mein Herz und du haust mir sowas um die Ohren!” beklage ich mich, dass er nicht sich für mich freut.
“Ernsthaft jetzt! Wenn dir dein Gemüt nur annähernd wichtig ist wirst du Ihr nicht nachgehen!”
“Das sagt Mister ich klebe ne Nachricht Nachts an die Wand der Frau, die ich mag. Warte was war die Nachricht nochmal…Oh ja…a Pe…”
“Hör auf das hat damit nichts zu tun!” sagt er beleidigt.
“‘Ich kenne nur zufällig ein paar mehr Leute, die das versucht haben! Alle Kopf über Fuß hinein gesprungen! Alle Kopf unter Fuß auf beton gelandet!”
“Ja? Wer?”
“Ist doch nicht wichtig! Wichtig ist, dass ich das nicht für meinen guten Freund wünsche!”
“Und wer ist dieser besagte gute Freund?” lächel ich ihn schelmhaft an
“Du, du Dummkopf!”
“Ach was das wird mir nicht passieren! Dafür bin ich zu vorsichtig.” sag ich während ich ihn versuche nicht zu beachte und eine Stolze Brust aufpluste.
“Das behauptet einer der unten ohne auf einem Longboard…”
“Hey das ist nicht fair! Das ist lange her! Warum hängt Ihr euch alle an der Geschichte auf?”
“Du weißt genau warum!” sagt er kichernd und schlägt mir mit nicht allzu wenig Gewalt auf den Oberarm. Eine neuer blauer Fleck geht mir bildlich gerade durch den Kopf.
“Lass mich in Ruhe. Ich hab sie ja noch nicht mal angesprochen so richtig! Wahrscheinlich wird sie eh nichts mit mir zu tun haben wollen!” versuche ich mich zu verteidigen.
Michael grinst und wie immer weiß er wann er was zu sagen hat und wann nicht. Er war schon immer so und plötzlich schießen mir Gedanken durch den Kopf, was wohl Michael für nen Wunsch gehabt hatte. Wenn das Stimmt was Gregor sagt hat ja jeder, außer mir einen Wunsch gehabt.
“Hey Michael, sag mal was wär dein Wunsch, wenn du einen frei hättest?”
“Unendlich Wünsche!”
“Nein jetzt im ernst! Eine Sache die du von der Welt gerne hättest.”
“Ich kann mich eigentlich nicht beklagen, mir passt alles so wie es ist.” antwortet er nachdenklich. Ich bemerke fast förmlich, wie ihm Bilder durch den Kopf schießen.
“Wirklich? Keine Sache die du gern anders hättest?”
“Glaub mir alles könnte ich verändern, aber mein Leben so wie es ist, würde ich um nichts missen!”
Mir ging ein Gedanke durch den Kopf. Gregor hatte gesagt, dass die meisten Menschen ja ihre Wünsche schon bekommen haben. Dass ich ja nur der Arsch wär, dem er nun hinterher rennen müsste, damit ich auch ja nicht zu kurz zu meinen Kosten im Leben komme, weil ich ja nicht wie die Anderen mich festlegen wollte. Ich frage mich, ob Michael wohl zu denen gehört, die ihre Wünsche bekommen haben oder aber zu den Anderen.
“Gab es etwas, was in deinem Leben mal anders war? Gab es ne Zeit wo du auf eine Veränderung gewartest hast oder so?”
“Was geht bei dir ab jetzt plötzlich um diese Uhrzeit?” unterbricht er meinen Gedanken.
“Nein ich bin nur neugierig! Und?” versuche ich den Ball wieder zurück zu spielen und setze einen halbwegs versagenden Pokerface auf.
“Und was? Was soll ich dir sagen… jetzt? Ich hab mal auf ne Pizza warten müssen, weil ich hungrig war und ich eine Veränderung dieses Gefühls wollte. Was willst du hören?”
Ich merke, dass es Michael entweder zu unangenehm wird oder aber zu hypothetisch. Er ist halt eher der Typ der pragmatisch denkt und darin jetzt rumzustochern wird meine Chancen auch nicht erhöhen.
“Ach egal!” sag ich “Ist echt spät sorry, dass ich gefragt habe…”
“Stille!” sagt er plötzlich.
“Stille?” frag ich.
“Ja Stille! Kennst du das, wenn man nichts zu tun hat und niemanden kennt. Ich weiß nicht, ob es die Langeweile oder das Nichts zu tun haben ist, aber plötzlich durchdringt diese Atmosphäre eine Stille, die wie in einem
Augenblick so hart wird, als wär ich in einer Wand einbetoniert und die ganzen Leute sind außerhalb dieser Wand. Sie sind frei, tun etwas, sind zusammen und erleben etwas. Doch ich sitze in der Wand fest und sterbe
langsam.” sagt er und in seinem Gesicht sehe ich, wie die Augen glasig und matt werden.
Ich erinnere mich, dass Michael als Kind immer einsam war, weil seine Eltern beide Ärzte waren. Er hatte keine Onkel, keine Tanten, nur ein Hausmädchen, was auch nur Zeit für Ihre Arbeit und sich selbst hatte. Er hatte mir erzählt, wie er sich den ganzen Tag gelangweilt hatte. Er hatte einen Berg voller Spielsachen, aber niemanden mit dem er spielen kann. Die Eltern hielten nichts von Kindergärten und hatten eigentlich vor ihn die Grundschulzeit über Privat zu unterrichten. Er sollte schon mit 5 das Alphabet lernen, bekam von einem unbekümmerten Lehrer Privatunterricht und vereinsamte darin noch mehr. Doch er fing damit an den beiden Streiche zu spielen. Weil er sich langweilte, funktionierte er seine Spielsachen in interessantere Werkzeuge der Vergeltung um. Spielte es irgendwann auf die Spitze, bis sowohl der Hauslehrer als auch das Hausmädchen rausgeschmissen worden sind. Die beiden hatten schon recht früh eine Affäre miteinander angefangen und versucht das ganze so weit es geht vor Michael geheim zu halten. In einem Versuch seinem Vater einen streich zu spielen, indem er ihn anruft, sich als krank ausgibt und ihn somit zwingt früher nachhause zu kommen. Als Überraschung sollte dann ein Tafelschwamm voller Kreide seinen Kopf begrüßen. Allerdings vergaß er den Hörer wieder aufzulegen, da sein Vater nicht ran ging. Dieser hatte eine ellenlange Mailbox Mitteilung, die er sich natürlich angehört hat, weil sein Sohn sich Krank gemeldet hat und dabei hörte er zufällig, wie das Hausmädchen und der Hauslehrer nach Michael ins zimmer kamen und…na ja…miteinander Sex haben wollten und der kleine Michael sich währenddessen im Schrank versteckt hatte. Dieser kommt natürlich völlig
neugierig raus und fragt absolut gelassen, was die denn da machen. Auf diese Mailbox Nachricht hin ist wohl klar was passiert ist. Ende der Geschichte! Michael kam auf meine Grundschule, wo wir uns am
ersten Tag kennengelernt haben. Wir waren von da an unzertrennlich. Natürlich war für ihn die Stille der Einsamkeit oder die Stille der Ruhe im Nichtstun ein Dorn im Auge.
“Sag mal, hast du denn immer noch dieses Stille-Gefühl manchmal?”
“Nee nicht wirklich, mein Leben ist ein Abenteuer, da kann ich auch gerne manchmal ein Augenblick der Ruhe vertragen. Sag mir jetzt mal lieber warum du diese komischen Fragen stellst?”
“Ach nichts, hab mich nur interessiert, was man wohl machen würde, wenn man einen Wunsch frei hat!” versuche ich mit biegen und brechen von einer wahren Antwort zu befreien.
Michael schaut misstrauisch, zuckt mit den Achseln und geht an mir vorbei, die Treppe rauf. Aber davor zeigt er mir nochmal nen Vogel und murmelt “Drama queen!” vor sich hin.

Wenn sein Wunsch der war, dieser Stille zu entgehen….Die Frage die bleibt ist, warum er dann von Anfang an so gemacht wurde, dass er sich langweilt allein? Warum hat Gott das zugelassen? Was ist der Sinn dahinter?

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2 thoughts on “4.2 IST EIN WUNDER DOCH NUR NE VERWUNDERUNG?

  1. Es gibt viele Gründe. Einer ist, dass wir andere um uns brauchen, um eine Identität aufzubauen. Die anderen reflektieren Puzzleteile unserer Persönlichkeit und helfen uns beim Werden. Ein anderer Grund ist, dass wir uns mit Gleichaltrigen vergleichen müssen, um Veränderung an uns und somit Bewegung zu spüren. Ein anderer wiederum ist, dass wir geben und nehmen wollen. Und wir Erlebnisse brauchen, um in Momenten der Langeweile weiter Geschichten zu spinnen … Ich mache Gott häufig viel größere Vorwürfe. Ich frage ihn, warum er uns überhaupt die Fähigkeit gegeben hat, zu leiden. Der dualistische Gedanke “Kein Leid keine Freude” befriedigt mich nicht. Er hätte unser Wahrnehmungssystem so designen können, dass wir keine Kontraste brauchen, sondern Zustände (positive) einfach erleben und lieben. Ich verstehe sovieles nicht.

    Wenn ich dich lese, habe ich das Gefühl, du bist am Puls das Lebens. Und trotzdem ist da manchmal das andere Gefühl, das mir sagt, dass du dich mit deinen Fragen alleine fühlst. Aber es kann gut sein, dass ich projiziere. Danke für deinen Text. Ich mag sehr, wie du schreibst. Ich erinnre mich dann daran, wie ich damals war … Wie das war, als ich durch einige Desillusionierungen noch nicht “verdorben” war …

    • Vielen lieben danke für dein kommentar, es hat mich sehr gefreut!
      Ja also das Gegensatzargument finde ich persönlich auch nicht ausreichend. Aber in meinem Studium hab ich gelernt, dass Raum nur festgemacht werden kann an Grenzen oder an Relationen. Raum brauchen wir auch für unsere Freiheit. Denn möglichst viel Freiheit zu haben bedeutet möglichst differenziert erleben zu können und Raum zu haben diese Erlebnisse für sich zu beurteilen. Diese Erlebnisse beurteilen wir im Raum entweder an den Grenzen unseres Gut-Befindens oder aber in Relation zum Anderen. Dafür geben wir aber auch Raum frei für das Andere oder das unpersönliche und erleiden daran oder erfreuen uns daran.
      Also ich könnte mich nicht mit Zuständen zufrieden geben, denn Zustäünde hört sich immer an wie Binärsysteme (also entweder 0 oder 1) und zwischen meiner rechten und meiner linken Hand ist schließlich mein ganzer Körper.
      Ich fühle mich in vielen Fragen alleine! Und manche wage ich auch nicht öffentlich zu stellen, weil das Verständnis dafür einfach zu kurz kommt oder aber weil einfach Sprache nicht das geeignete Mittel dazu ist diese Fragen zu stellen. Es ist noch ein langer Weg bis wir endlich an einem Punkt angekommen sind, wo man Sein kann wer man ist, ohne dass man mit dem Schmörgelpapier erstmal zurechtgestutzt wird, damit man in ein Klichèe reinpasst. Aber ich erfreue mich immer wieder an Texten, wie deine oder viele Andere und dadurch schöpfe ich unendlich Energie.
      So jetzt muss ich aber weiter arbeiten.
      Liebe Grüße

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