5.1. Ein Handtuch dient manchmal auch als Taschentuch

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Was ist das Paradies? Was ist das Leben? Von Kind an erzählen uns die Eltern oder Ältere allgemein besser gesagt, dass es der Ort wäre, wo ich mich um nichts mehr sorgen müsste. Auch ich hab solche Vorstellungen erzählt bekommen. Kleine Bilder, entstanden aus den kleinen Ansprüchen oder besser gesagt der Zusammenfassung der Erfahrungen im Leben, zu einer Geschichte.

Auf den Schultern unserer Kinder argumentieren wir und bauen ja doch die Welt so auf, wie wir sie uns denken und was unsere Kinder zu wünschen haben sollen. Aus unseren Enttäuschungen sind wir da gelandet, wo wir sind und von da wo wir sind, landen unsere Kinder über ihre Enttäuschungen auf deren Plätze.

Sie predigen es, aus dem gleichen Grund wie jeder Andere, Jene die Glauben sowie jene, die eigentlich nicht religiös sind und dennoch jede Woche Sonntags in die Kirche gehen oder jene, die 5 mal am Tag beten und dennoch an Nichts glauben oder auch jene, die denken sie würden an Nichts glauben! Alle gemeinsam predigen dieselben Geschichten verpackt in persönliche Botschaften, verwoben in die Verständlichkeit des Zuhörers, des Kindes.

Nun, zu sterben und nichts mehr zu fühlen, würde doch eigentlich genau das erzeugen, was schon oft gepredigt wird oder? Und zwar, das man an einen Ort kommt, wo es keine Not mehr gibt. Denn wo keine Hoffnung ist, sind auch keine Enttäuschungen. Wo man nichts fühlt, hat man auch keine Not.

Ich glaube aber, dass da sehr wohl etwas kommt. Ich glaube, dass wir unser eigener Richter sind und uns entweder in die Hölle verdammen oder aber in ein Paradies. Ich glaube, dass wir die schärfsten Richter für uns selbst sind, aber auch die wohlwollendsten Gönner. Wer kennt meine kleinsten Sünden denn besser als Ich? Und wenn ich mir die Sünden aufzeige, kann ich mich ja nicht selbst verarschen und behaupten es nicht getan zu haben. Gleichzeitig weiß ich aber auch am besten, was ich für mich als das Paradies verstehe und deswegen ist das Paradies kein Ort, der für alle gleich aussieht.

Ich will träumen und vielleicht bin ich auch der letzte Träumer. Genau so hört sich der Hochmütige an, sagen die Einen. Genau so lebst du nicht in dieser Welt, sondern in einer Fantasie, sagen die Anderen. Was sind das für Argumente? Worauf hin sollen die mich aufbauen? Welchen Inhalt oder welche Lehre beinhalten sie? Wenn sie keine Lehre haben, was soll die Aussage dann überhaupt? Ich will mich nicht vergleichen. Es gibt keinen über oder unter mir. Es gibt kein Ich oder du.

Die Tür klingelt und ich ignoriere sie. Langsam verschwimmen die Gedanken. Zuviele Sinneswahrnehmungen, um am Gedanken zu bleiben. Ich versuche sie klarer zu bekommen, auf eine Gegebenheit zu reduzieren und bemerke, dass die Tür aufgeht. Für einen kleinen Moment entdecke ich die Hoffnung Mira bei uns unten zu hören. Denke darüber nach mich frisch zu machen, runter zu gehen und mich dazu zu gesellen. Und schon kommen die Zweifel. “Und dann?” Frag ich mich, “Was wird wohl dann passieren?” Sie sieht mich und sie wird sich nicht für mich interessieren. Sie wird sich im Meer der Höflichkeit versenken und mich mögen als Bekannten, womöglich noch als Freund von Freunden oder im schlimmsten aller Fälle als freundlich, doch mich ansehen, weil ich ICH bin, wird sie nicht. Und dieser Gedanke lässt alles andere im Meer der Nebensächlichkeiten versinken. Nicht unbedingt weil ich mir so wichtig bin, aber um jemand zu sein. Wer schaut mich an, wegen dem, wer ich bin? Noch schlimmer! Wer bin ich? Und nun kommt das schlimmste! Erkenne ich wer ich bin, aus mir heraus, oder aus dem, wer sieht, wie ich bin?

All diese Fragen halten mich wach und zerstören den Traum vom frühen einschlafen und ausgeruht zur Arbeit gehen. Ich bin eh zu nervös. Seit einem Monat schon versuch ich zu verstehen, was ich will. Ich weiß es, aber das reicht nicht. Anscheinend muss jeder Andere das auch so sehen. Ich komme mir vor, wie in der Truman-Show oder in der Matrix. Nur das sowohl der Eine, als auch der Andere sich darin schlauer angestellt haben, zu verstehen, was deren Ressourcen sind. Ich komm mir vor, wie in der Geschichte eines kranken Autors, der versucht, ein notwendiges Drama, mit mehreren Zwischenfällen zu umschreiben, damit dieses nicht eintrifft. Mein Protagonist ist müde, ich bin müde. Die Zukunft zu sehr umschrieben, der Klarheit dennoch beraubt, damit die Geschichte kein Ende findet. Kein schönes Ende, damit es der transzendentalen Leserschaft nicht zu einfach gemacht wird und kein schlimmes Ende, damit auch der letzte der Leser sich erstmal emotional bindet, bevor der Autor entschieden hat, genug Bluttribut zu bekommen. Den Protagonisten fragt keiner. Ihn gibt es aus der Sicht aller ja nicht. Er ist nur Werkzeug zum darstellen. Was er sich wünscht, tut nur im Nachvollzug aller anderen Wünsche etwas zur Sache.

Ich will das nicht! Ich will endlich finden, wonach ich suche! Ich will nicht sein, was andere von mir wollen! Ich will das wollen, was ich bin! Ich will sein können, wie ich bin und dafür geliebt werden! Ich will das, was ich will, genauso, wie ich es will bekommen, ohne mich erklären zu müssen!

Ein Augenblick der Ruhe macht sich breit und plötzlich bekomme ich Angst. “Warum?” frag ich mich, versuche den Gedanken beiseite zu schieben und schlafe ein.

Ich werde durch ein krachen in meinem Zimmer wach und springe förmlich aus meinem Bett. Ich bemerke, dass mein Fenster zerbrochen ist und ein Ziegelstein nun, inmitten von den Scherben meines Fensters, auf meinem Zimmerboden ruht. Während ich noch völlig im Tiefschlaf bin, geht mir nur ein Gedanke durch den Kopf:

„Die Straße ist in mein Zimmer geflogen!“

Ich setz mich erst mal wieder hin und versuche zu verstehen was los ist. Als ich durch das Fenster raus schaue, sehe ich eine Menge von Menschen wütend schreien und sich gegeneinander aufhetzen. Ich verstehe nicht, was da gerade geschieht und versuche immer noch aus meinem schlaftrunkenen Bewusstsein eine Erklärung zu finden, die einfach genug ist die Anstrengung komplexer Gedankengänge zu umgehen. Während ich mich am Kopf kratze schlagen zwei Ziegelsteine auf meine Hauswand ein und ich erschrecke vollends und springe hinter mein Bett, um Deckung zu haben. Die Meute eskaliert und zwei große Gruppen von Menschen in zivil gehen aufeinander los. Ich schaue hinter meinem Bett hervor und versuche ein Blick auf das Geschehen zu finden, ohne gleich mit einem Ziegelstein bessere Bekanntschaft zu machen. Überhaupt was haben die Leute eigentlich gegen unser Haus. Warum muss gerade mein Fenster die Wut eines aufgebrachten Mobs zu spüren bekommen. Ich versuche mich zu erinnern, worum es eigentlich bei diesem Spektakel gehen könnte. Die Antwort wird mir ganz leise von der Seite in mein Ohr gehaucht.

De-mons-tra-tion!“ haucht Gregor mir das Wort ins Ohr und ich spüre wie meine kleinen Härchen an und in meinem Ohr vom Hauch vibrieren und mein Ohr ganz leicht kitzelt.

AHHHHHHHHH!“ schreie ich los und bin einem Herzinfarkt nahe.

Tz! Ach komm! So langsam könntest du dich schon ein bisschen freundlicher verhalten, wenn ich dich besuche!“ sagt er während er sein Kopf abfällig von mir weg dreht.

SO LANGSAM KÖNNTEST DU AUS MEINEM LEBEN VERSCHWINDEN!“ schreie ich ihn an.

Gregor zieht sich in eine Ecke des Zimmers zurück und malt mit einem Finger kleine Ringe auf dem Boden. Vier weitere Ziegelsteine krachen wie Maschinengewehr-Salven direkt über Gregors Kopf an meine Zimmerwand. Gregor lässt das völlig unbeirrt.

Ich dachte jetzt haben wir uns kennengelernt und du hast mich gerne in deinem Leben!“ sagt er wie ein beleidigtes Kind und malt weiter seine unsichtbaren Kreise auf dem Boden.

Welcher Irre würde auch nur ansatzweise gerne jemanden wie dich im Leben haben!“ sag ich völlig aufgebracht.

Ach tu doch nicht so!“ grinst er mich an und gibt mir ein paar Schläge mit dem Ellbogen an meine Seite. „Wir wissen beide genau, dass du mich liebst!“

Mir dampft der Schädel und noch eine Salve Ziegelsteine zerbröckeln direkt neben uns an meiner Zimmerwand.

Was geht hier eigentlich ab bitte?“ Frag ich jetzt endlich bemerkend, wie abstrus die Situation gerade ist.

Ach nur so eine Demonstration! Allerdings solltest du aufhören die Ziegelsteine in dein Zimmer zu werfen…“ erklärt er als wäre es das normalste der Welt, das einem ganze Ziegelsteine in Salven durch das Fenster geworfen werden.

Und was soll das mit mir zu tun haben?“ frag ich ihn neugierig.

Tja der erste Ziegelstein kam zufällig, aber es hat so krass Angst in dir ausgelöst, dass du beim kleinsten durcheinander immer mehr Ziegelsteine gewünscht hast.“ Erklärt er und im nächsten Augenblick schießen Ziegelsteine durch mein Fenster als ob ein verfluchter Soldat mit einer Minigun Ziegelsteine auf mein Zimmer schießt. Ich werfe mein Bett um und benutze es als Deckung.

DAS ist ja gemeingefährlich!“ Sag ich und eine weitere Salve von Ziegelsteinen zerbersten mein Schreibtisch. Einzig mein Regal, wo ich meine Klamotten aufbewahre ist noch Heile, weil es direkt unterm Fenster aufgebaut ist und die Ziegelsteine es nicht erreichen können. Kaum ausgedacht schießen gleich mehrere Ziegelsteine durch das Fenster und treffen aufeinander und zerplatzen in der Luft. “Splittergranaten” geht mir schockiert durch den Kopf. Alle! Aber auch wirklich alle Sachen in meinem Regal zerfetzen von den Splittern und alle Klamotten sind gleichmäßig in Staub eingedeckt.

Wie stell ich das ab?“ frag ich Gregor.

Werde dir erst mal bewusst, dass das keine Gefahr für dich darstellt!“ schreit er.

Was soll das schon wieder bedeuten?“ schreie ich unter Ziegelhagel zurück.

Na, dein Wünsch am Leben zu bleiben ist halt unsagbar größer als deine Angst davor dein Leben zu zerstören!“ sagt er staubtrocken und macht sich eine Zigarette an.

Ich huste und mich überkommt ein Drang meine Lunge auszukotzen. Ich huste so tief, dass das flattern meiner Lungenflügel sich anhören wie knatternde Fürze. Fürze, bei denen man die einzelnen Flattergeräusche zählen kann, weil genug Abstand zwischen ihnen ist. Als ich ansetze, um nochmal tief keuchend zu Husten, während eine weitere Salve von Ziegelsteinen die Tapete meiner Wand zerfetzt, gibt Gregor mir mit voller Wucht einen Schlag  quer durch mein Gesicht mit der flachen Hand und wirft mich damit zu Boden. Wieder einmal tat es nicht weh! Ich stehe sofort wieder auf und schreie Gregor an: „Sag mal was ist eigentlich los mit dir?“

Was?“ fragt er scheinheilig und dreht dabei seine Augen weg von mir, „Ist irgendetwas?“

DU! Du hast mir gerade voll eine gelatzt Alter!“

Ach das war nur wegen dem Husten!“ antwortet er und wischt mit einer Hand vor meinem Gesicht rum.

Wie für den Husten! Moment mal! Warum musst ich gerade so krass Husten?“ frag ich ihn.

Ach Husten, Schmusten! Alles überbewertet“ sagt er und zeigt stattdessen hinter die Matratze, „Schau mal lieber aus dem Fenster!“

Bist du Irre? Hast du die Ziegelsteine vergessen?“ frag ich entsetzt.

Welche Ziegelsteine?“ fragt Gregor und lächelt keck.

Ich bemerke, dass ich seit dem Schlag keine Ziegelsteine mehr gehört habe und traue mich hinter dem Bett hervor. Der Staub spielt mit dem Zustand meines Zimmers und der Sonne, die durch das Fenster scheint und erzeugt eine herrliche Atmosphäre, würdig eines Zweit-Weltkrieg-Dramas. Ich traue mich ans Fenster und bemerke, dass die Demonstration sich langsam auflöst. Einige Demonstranten mit vermummten Gesichtern sind von der Polizei festgenommen worden und entpuppen sich als Hooligans. Auf der Seite der Anderen Demonstranten, sind einige Studenten festgenommen worden. Keine Spur von einem Helikopter oder einer Minigun, die Ziegelsteine schießt, außer dass mein ganzes Zimmer in Schutt und Asche liegt.

Was ist das für eine Demo gewesen?“ frag ich Gregor.

Ist das erheblich?“ fragt er zurück.

Ja verdammt, schau dir mein Zimmer an!“ beschwere ich mich.

Ach irgendein Vorschlag für eine Trinksperre bei Fußball-Spielen! Die Einen demonstrieren, die Anderen kommen doch nur wegen dem Adrenalin kick. Und mit den Anderen meine ich die „Spezis“ auf beiden Seiten. Leider ist sowas schon immer bei euch Menschen das Problem. Eure Hölle und euer Paradies habt Ihr schon immer in und unter euch selbst getragen.“ Sagt er in heroischer Tonlage während er sein Leinengewand hochzieht und anfängt mir in die Ecke des Raumes zu pinkeln.

SAG MAL GEHT ES NOCH?“ schrei ich ihn an, „Was machst du da?“

Er grinst und hält mir den Daumen hoch, als ob ich ihn gerade für seine Taten gelobt habe.

Hör auf damit!“ sag ich während ich auf ihn losrenne um ihn abzuhalten.

Also wie jetzt? Kann man nicht mal in Ruhe hier seinen Taten nachgehen? Dein Zimmer macht es jetzt eh nicht mehr schlimmer als es schon ist.“ Sagt er gelassen und schaut sich dabei um, „Zudem ist das eh nur Wasser!“

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