5.2 Ein Handtuch dient manchmal auch als Taschentuch

hoehlenmalerei

Er versteckt sich hinter einem Stein, denn zum ersten Mal begegnet er seinem Schicksal. Kein zurück mehr! Keine Entscheidung, die ihn dazu getrieben hat, sondern reine Liebe. Sein Name ist Gregor und er wird den Rest seines Lebens solchen Wesen dienen, denn er ist ein Engel. Er wird dienen! Nicht wegen der Menschen, sondern wegen seiner bedingungslosen Liebe für das Eine, dem Schöpfer, die Liebe, das All-Einige, die Personifikation des Guten und des Schönen. Es ist das Einzige in dieser Welt, dem er unwiederbringlich folgen wird, denn seine Gedanken, seine Gefühle, sein ganzes Wesen ist eins mit dieser Entität.
Sein Herz klopft und in ihm macht sich eine Unruhe breit. Er weiß, dass er nicht gesehen werden kann. Er sieht auch genau, dass er das ganze schnell hinter sich bringen kann. Das Zeichen, dass dieser Mensch seine Vertragsprämie noch nicht erhalten hat, brennt gleich über dem Kopf des besagten Exemplares des Homo Sapiens,  der Einsichtsfähige oder auch weiser Mensch genannt. Der Mensch lauert einer Gruppe von Antilopen auf. Die Vertragsprämie zeigt eindeutig, dass dieser Mensch den Wunsch hat ein großer Jäger zu werden. Und in der Vertragszusatzklausel heißt es, dass er dafür schmächtig sein würde. Gregor kann sich schon denken, dass dieser Mensch jahrelang wohl nicht mit auf die Jagd mitgenommen wurde. Der arme Junge sieht verhungert aus und läuft gerade alleine in dieser Ecke der Steppe rum. Er packt sich noch immer an die Brust. Das erste mal bemerkt er tatsächlich, dass er ein Herz hat. Für einen kleinen Moment denkt er darüber nach, ob er überhaupt vor dieser Situation existiert hat. Denn er ist ein Engel, und damit ist er auch die Inkarnation des Willen Gottes selbst.
Der junge Mensch pirscht sich, mit einem Stein in der Hand, in Richtung des Windes an und bemerkt nicht, dass die Antilopen schon längst am Geruch aufgenommen haben und dass er so dermaßen keine Gefahr für sie darstellt, dass sie noch nicht einmal die Mühe machen in Alarmbereitschaft zu sein. Sobald der Junge einen Schritt nach vorne macht entfernen diese sich einfach gemütlich Schritt für Schritt weg von ihm. Ein Stein liegt in seiner Hand und wurde angespitzt, so dass es scharf genug war, um durch das Fell der Antilopen zu schneiden, doch findet der Junge die notwendige Nähe zu denen nicht. Mit jedem Schritt entfernen sich die Antilopen noch mehr. Gregor beschließt erstmal abzuwarten und zu schauen, wie der Junge daran scheitern wird, bevor er sich überlegt, wie er ihm helfen könnte. Sein Herz schlägt schon langsamer, zumindest denkt er sich das, denn eigentlich weiß er nicht einmal wie sein Herzschlag sich anfühlen müsste. Er bemerkt aber, dass im Vergleich zu dem jungen, sein Herzschlag schon deutlich langsamer geworden ist und eine innere Ruhe in ihm einkehrt, die noch vor einigen Momenten in dieser Form nicht vorhanden war. Der junge wiederum wird immer nervöser. Er bewegt sich mehr und mehr auffällig und schon bald lässt er ab davon sich anzuschleichen und probiert “Variante B”, Barfuß, halb nackt und wie ein wilder Irrer schreiend auf die Antilopen zulaufen. Die Größe der Denkleistung dieses Wesens, dessen Attribut sein soll Abbild des Herren selbst zu sein, ist offensichtlicher nicht zu übersehen, denkt sich Gregor während er in sich rein kichert. Die Antilopen machen für ihre Verhältnisse nur einen kleinen ausweichenden Satz und haben ihn schon um mehrere Meter vorbei rennen lassen. Sie müssen nicht einmal groß Distanz schaffen. Sie rennen einfach um ihn herum. Er gibt nicht auf und rennt immer wieder durch die Gruppe, bis ihm schon bald  die Kräfte verlassen.
Aber dann geschieht Etwas. Der Junge geht ein paar schritte auf Gregor zu hinter den Felsen und beginnt aus einer seiner Extremitäten Flüssigkeit zu lassen. Sein Gesicht verändert sich. Er sieht augenblicklich gelassen und glücklich aus. Gregor verstand es nicht. So etwas hat er noch nie gesehen. Warum freut der Mensch sich so? Er hat noch gar nichts geschafft. Seine Jagd war ein Schritt von einem kompletten Desaster entfernt und dennoch, in diesem einen Moment scheint es so, als ging es dem Jungen und seinem Vertrag nie darum jagen zu können. Der Wind bläst sanft auf die Haut des Jungen. Seine Haare tanzen leicht dabei. Der Junge schließt die Augen und ist in dem Anblick nach eins mit allem. Als wäre das Ganze Leben um dieses eine Erlebnis gestrickt, Wasser zu lassen.
Vor dem Jungen geht ein kleines Erdmännchen in aufrechte Position und schaut ihn neugierig an. Der Junge bemerkt den kleinen und grüßt ihn freundlich. Gregor, noch immer fasziniert von dieser Szenerie, macht einen Schritt nach vorne. Dabei löst sich ein Stein und rollt gegen einen anderen. Das Geräusch zweier Steine, die aufeinander schlagen ertönt direkt neben dem Jungen. Erschrocken springt er nach vorne. Dabei fällt ihm sein angespitzter Stein auf den Boden und bohrt sich in die Erde. Gleichzeitig machte sein Pinkelstrahl einen Satz nach vorne und trifft das ahnungslose Erdmännchen. Dieser läuft “angepisst” davon. Der Junge beruhigt sich, aber bleibt regungslos. Immer wieder schaut er hin und her zwischen Spitzen Stein im Boden und angepisstes Erdmännchen. Der Stein befindet sich direkt vor Gregor. Gregors Herz pocht erneut und er hält den Atem an. Bitte nicht, denkt er sich, ich bin noch nicht bereit! Der Junge schreit plötzlich auf: “AHHHHHHH!” Gregor zuckt zusammen! Er rennt auf ihn zu. Gregor kauert sich auf den Boden  zusammen und schreit: “HaaaAAAAAAAAAAAAAA!” Der Junge erschreckt erneut und bleibt stehen. Er schaut sich um und findet nichts. Die Antilopen erheben ihren Kopf und schauen mit der Gelassenheit einer Hindu-Kuh zum Jungen rüber. Der Junge hebt den Stein auf und läuft sofort weiter auf Gregor zu. Gregor hält sich den Mund und versuchte nicht zu atmen. Der Junge macht einen Satz und springt auf den Felsen. Dabei hangelt er sich an der oberen Kante bis er halt findet  und klettert über Gregors Kopf hinweg auf den Fels. Dort hebt er einen Stab hoch und hält ihn in der einen Hand. Der Stab ist so lang wie der Junge selbst und ungefähr so dick wie sein großer Zeh. Das eine Ende lässt der Junge auf dem Boden ruhen, das Andere zum Himmel ragend. Anscheinend nutzt er diesen Stab als drittes Bein oder sowas ähnliches. Er klopft ein, zwei Mal mit dem Ende auf dem Boden, dann hebt er den Stab und wirft ihn gerade nach vorne. Der Stab fliegt und landet ein gutes Stück weiter auf dem Boden. Einige Vögel fliegen erschrocken aus dem Dickicht der Büsche an der Stelle wo der Stab aufkommt. Der Junge schreit los: “Ahaaaaaaaa!” Er klettert den Felsen wieder runter und läuft auf den Stab zu . Er hebt den Stab auf und hält ihn sich über seinen Kopf. Immer wieder schreit er “Ahaaaa!” Dann setzt er sich hin und beginnt mit dem angespitzten Stein auf den Stab einzuhauen. Gregor traut sich langsam an ihn heran und beobachtet das Ganze. Voller Neugier fragt er sich, was der Junge wohl mit diesem Stab vorhat. Viel neugieriger aber war er darauf, was das Ganze mit dem Wasser lassen auf sich hat.
Tage vergehen, der Junge hat es geschafft mit seiner Konstruktion eine Antilope zu jagen. Sein Vertrag hat sich erfüllt und das Symbol über seinem Kopf ist schon längst verschwunden. Mittlerweile hat der Junge sogar schon mehre Antilopen erlegt. Viel zu viel Fleisch für einen kleinen abgemagerten Jungen, aber der Junge musste seinen erfolg immer und immer wieder bestätigt haben. Gregor dachte sich, dass das eine Verschwendung von Gottes Kreationen ist. Auf der Anderen Seite sind noch genug andere Kreationen da, die davon etwas haben werden. Menschen denken ihnen gehört die Welt, denkt Gregor sich, dabei vergessen sie, dass es eine Menge  von, nichtmal auf den ersten Blick sichtbaren, Wesen gibt, die in dieser Welt eine komplexe Natur besitzen und neben den Menschen ein Dasein betreiben, dessen die Menschen vielleicht erst in 10000 Jahren im Ansatz erst bewusst werden.  Na ja es ist nicht seine Aufgabe dem Menschen das näher zu bringen. Er ist schliesslich nur dafür da die Verträge zum Abschluss zu bringen. Dieser ist sogar schon abgeschlossen und dennoch ist Gregor bei dem Jungen geblieben. Der einzige Grund dafür ist, dass Gregor noch immer nicht verstanden hat, warum die Menschen alle paar Stunden, manchmal sogar erheblich kürzer, Wasser von sich lassen.  Er hat schon erkannt, dass das etwas mit dem Wasser zu sich nehmen zu tun hat. Aber die Frage blieb, warum der Mensch so glücklich aussieht, wenn er das tut.
An einem bestimmten Tag, kehrt der Junge zurück näher an sein Dorf und da geschieht es , dass er noch einmal anfängt zu jagen, um eine Beute mit nachhause zu bringen. Während er auf der Lauer liegt bekommt er wieder die Anzeichen, die Gregor schon öfter beobachtet hat. Der Mensch kann nicht mehr ruhig sitzen, Konzentration schwindet beziehungsweise konzentriert sich auf eine Aktivität und diese allein. Doch dieses Mal taucht hinter dem Jungen eine Frau aus dem Dorf auf. Der Junge sieht sie und begrüsst sie. Gregor beobachtet die Ganze Situation genau. Normalerweise würde der Junge auf der Stelle seine untere Extremität freimachen und damit beginnen, sein Wasser am gleichen Ort abzulassen. Doch jetzt springt der Junge von einem Bein auf das Andere. Er schüttelt sich und manchmal Zittert er durch den ganzen Körper. Während er sich mit ihr unterhält dreht er mehrmals seine Augen hoch unter seine Augenlider und zuckt mit seinem Kopf schräg. Nach einer Weile lacht die Frau los und fragt ihn etwas. Er antwortet mit einem Schrei und die Frau zeigt ihn eine Richtung und sagt etwas während sie kichert. Der Junge läuft los und geht hinter einen Busch. Dort geschieht dann der normale Ablauf und Gregor erkennt etwas.  Erstens bemerkt er zum ersten mal, dass der Junge das nicht vor anderen Menschen tut. Er schämte sich richtig vor der Frau Wasser zu lassen. Weiterhin bemerkt er, dass je länger der Junge gewartet hat, diese Anzeichen wie Schmerzen aussahen. Anscheinend bereitet es dem Jungen Probleme dieses Wasser nicht abzulassen. Doch wenn er das tut bereitet es ihm richtig Freude. Gregor fragt sich, ob die Freude erst dadurch entsteht, dass er vorher diese Probleme hat und diese dann abgelassen werden. Was ist, wenn man die Verträge viel effizienter erfüllen kann, wenn der Mensch das eintreten des Vertrages genau wie das ablassen des Wassers als Befreiung sieht. Das könnte die Rate der Beschwerden minimieren und die Menschen würden zufriedener sein mit ihren eigens für sich entschiedenen Verträgen. Er fragt sich, ob es deswegen die Vertragszusatzklausel gibt und ob man diese durch zusätzliche Bedingungen verstärken könnte. Dabei darf die Freiheit des Menschen und seine Würde nicht zu schaden kommen und der Mensch darf nicht in eine Situation kommen in der er seinen Vertrag nicht mehr erfüllt bekommt oder noch schlimmer komplett von seinem Vertrag ablässt. Während er über diese Dinge nachdenkt beginnt Gregor sich in sein Gewand zu machen. Er fühlt sich gut dabei bis er plötzlich sich erschreckt. Wie kann das geschehen? Sobald er das bemerkt stoppt er auch. “Aha” denkt er sich, während er sich schmunzelnd an den Jungen und sein Speer erinnert. “Das sind meine Gedanken, die aus mir austreten, weil ich Probleme dieser Welt gelöst habe!”

Und er fühlt sich erleichtert!

© Farzam Seyed Mikail Fardowsi

Picture from here

Advertisements

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s